Alexander Rybak war ein einsames Kind

Es brach mir mein Herz als Mutter

Mama Natalia ist stolz auf ihren talentierten Sohn, aber sie hat bittere Erinnerungen an die Zeit, als Alexander Rybak als Kind ein Außenseiter war.

Interview mit Alexander und seiner Mutter Natalia in der wöchentlich erscheinenden norwegischen Zeitschrift „Norsk Ukeblad“. Veröffentlicht am 5.10.15. Text: Knut Hovind. Foto: Anne Elisabeth Næss und einige private Fotos.
Gefunden und übersetzt  von Jorunn Ekre. Überarbeitet von Anni Jowett.
                                   Deutsche Übersetzung: Uta Bensel.

Der talentierte Alexander Rybak verzaubert Menschen jeden Alters, aber das war nicht immer so. Als kleiner Junge hat er selbst erlebt, wie es ist, einsam und anders zu sein.

Alexander Rybak Natalia Rybak NU 2015
Wie zwei Erbsen in einer Schote: Mama ist klug und freundlich. Sie kann nicht „nein“ sagen. Ich war früher auch so, doch ich bin erwachsen geworden und habe meine Lektion gelernt, sagt Alexander und lächelt.

Das Einzelkind Alexander war erst fünf Jahre alt, als die Familie Minsk in Weißrussland zu Beginn der 90er Jahre verließ. Natürlich verstand er kein Wort norwegisch, als er hier ankam. Und Mama Natalia hat bittere Erinnerungen an die Anfangszeit:

Alexander war draußen im Garten, ich konnte ihn vom Wohnzimmerfenster aus sehen, erzählt Natalia. Plötzlich kamen zwei Jungs in seinem Alter auf ihn zu. Die drei standen dort und schauten sich eine Weile lang verlegen an, bis die beiden norwegischen Jungs das Gespräch begannen. Aber es kam keine Antwort von Alexander. Er verstand nichts. Sie stellten ihm eine andere Frage aber wieder bekamen sie keine Antwort. Und dann gingen sie weg. Als Mutter brach es mir das Herz. Da war so eine große Einsamkeit um ihn herum, als er dort so verlassen stand….

Mama Natalia sitzt zu Hause in Nesodden auf dem Sofa und schaut liebevoll auf ihren Sohn, der sein Elternhaus besucht. Vom Wohnzimmerfenster aus kann man den Oslo Fjord sehen, der in der Herbstsonne glitzert und die Hauptstadt als glänzenden Streifen dahinter. Gemeinsam sprechen sie über ihre Anfangszeit in Norwegen.

Originelle Aufsätze
Anfangs war es schwierig mit der Sprache, doch Alexander lernte norwegisch in Rekord-Zeit, fährt seine Mutter fort. Sie berichtet, dass es in der 3.Klasse der Grundschule in seinem schriftlichen Norwegisch kaum noch auszumachen war, dass der Junge einen russischen Hintergrund hatte und dass er zu dem Zeitpunkt erst seit 4 – 5 Jahren in Norwegen war.

Seine Aufsätze waren auch originell und lustig. Einmal beschloss Alexander, einen Aufsatz in Gedichtform zu schreiben. Mit Reim und allem…es war ungewöhnlich.

Es war auch ungewöhnlich, dass er so viel Zeit mit der Musik verbrachte. Schon bevor er in die Schule kam, spielte Alexander Klavier und Geige. Er übte geduldig auf beiden Instrumenten, bevor er sich für die Geige entschied. Im Alter von neun/zehn übte er täglich drei Stunden auf seinem Instrument. Er stach heraus und das wurde in der Schule natürlich bemerkt. Und einige Leute fingen daraufhin an, ihn zu mobben und zu ärgern.

Alexander Rybak NU 2015
Alexander und Igor: Kleiner Meister. Alexander konnte mit sieben/acht Jahren schon meisterhaft Geige spielen. Er entstammt einer musikalischen Familie. Hier mit Papa Igor. Alex als Kind: Straßenmusikant – Alexander begann früh damit, die Menschen zu unterhalten. Hier ist er in Egertorget in Oslo. Trolle: Alexander hat gerade sein erstes Kinderbuch veröffentlicht – es handelt von Trolle, der sich ein wenig anders fühlt.

Aber Alexander findet nicht, dass er ein Mobbingopfer war, andere litten viel mehr als er. Er bekam aber einen Eindruck von der Brutalität des Mobbens.
Ich habe mich als Außenseiter gefühlt, sagt er, macht eine Pause und neigt seinen Kopf ein bisschen und fährt fort: Aber ich glaube, dass die meisten Kinder sich dann und wann ausgestoßen fühlen. Manchmal kann es zwar gut sein, allein zu sein, aber jeder braucht einen Freund. Ich hatte als Kind einen guten Freund und er ist immer noch mein bester Freund. Du kannst dich nicht mit jedem anfreunden. So viel habe ich verstanden.

In diesem Herbst brachte Alexander sein erstes Kinderbuch heraus „Trolle und die Zaubergeige“. Das Buch handelt von dem kleinen Trolle, der von den andere Trollen gemobbt wird, weil er ohne Schwanz geboren wurde. Er fühlt sich ausgestoßen und ein bisschen anders. Aber eines Tages findet er eine Geige, die alles verändert. Die Geschichte hat viel Ähnlichkeit mit Alexanders eigener Kindheit.

Stolze Mutter
Mama Natalia ist sehr glücklich über das Buch ihres Sohnes. Sie lächelt ihm am anderen Ende des Sofas zu. „Alexander hat schon immer eine lebhafte Vorstellungskraft gehabt und eine großes Vermögen, über Dinge zu staunen. Für mich war es keine große Überraschung, dass er ein Kinderbuch schrieb.

„Alexander ist so vielseitig und er hat so viele Einfälle, dass es mich nie überrascht, wenn er etwas Neues versucht.“
Alexander lächelt voller Ironie, rutscht unwohl auf dem Sofa hin und her und hält das Lob seiner Mutter vielleicht für etwas übertrieben. Haben nicht die meisten Kinder eine große Vorstellungskraft?

Aber Alexander ist auch ein bisschen stolz, gibt er zu. Der 29jährige Künstler, der bislang als Sänger, Geiger, Komponist und Schauspieler in Erscheinung getreten ist, freut sich darüber, seinem Namen einen weiteren Titel hinzufügen zu können: Autor.
Mama Natalia spricht eifrig und lacht viel, Mutter und Sohn ähneln sich sowohl im Äußerlichen als auch im Verhalten sehr. Sie serviert grünen Tee und russische Kekse, bevor sie stolz mit den Erinnerungen an Alexanders Kindheit fortfährt:

Wir sind früher oft in den Wäldern spazieren gegangen. Mit einem kleinen Kind Hand in Hand spazieren zu gehen, ist schon ein schönes Erlebnis an sich, aber mit Alexander wurde das zur Geschichtenzeit. Für ihn konnten die Bäume sprechen, und die Steine und Wurzeln hatten Gesichter, dann erfand er Geschichten darüber, wie die Pflanzen, die Steine und die Bäume im Wald miteinander sprechen konnten. Ja, es war, als ob man mit einem kleinen Autor spazieren ging, sagt sie leicht lachend.

Alexander ist vor mehreren Jahren ausgezogen, und aufgrund seines vollen Terminkalenders besucht seine Eltern nicht sehr oft. Aber wenn er nach Nesodden zu Besuch kommt, dann bleibt er oft für zwei, drei Tage. Dann genießt er es, auszuruhen, Mamas russische Gerichte zu essen und auf dem Flügel zu spielen, der den besten Platz im Wohnzimmer hat.

Alexander Rybak og Natalia Rybak NU 2015
Harmonie: Ich wollte, dass Alexander gut Geige spielen kann und Musik genießt, aber ich hatte weder den Wunsch noch den Glauben, dass er ein großer Star werden würde, sagt Natalia. Hier spielen sie gemeinsam in seinem Elternhaus in Nesodden.

Mama ist schlau
Alexanders Tage in diesem Herbst sind angefüllt, er muss los. Neue Termine warten. Aber bevor er geht, muss er ein musikalisches Duett mit seiner Mutter spielen. Seine Mutter setzt sich an den Flügel, während Alexander die Geige ansetzt. Und schnell ist das Wohnzimmer mit wunderschöner Musik erfüllt.
Doch bevor Alexander aus der Tür verschwindet, bitte ich ihn, seine Mutter zu beschreiben:
Schlau, sagt er.
Schlau?
Ja, das ist der erste Begriff, der mit einfällt. Und positiv. Sie kann nicht „nein“ sagen. Das konnte ich auch nicht, habe es aber gelernt. Mama hat das bis heute nicht gelernt. Sie begleitet drei verschiedene Chöre, ist musikalische Leiterin an einer Schule und sie hat 15 Klavierschüler. Und wenn ein neues Kind Mama als Lehrerein haben möchte, kann sie nicht „nein“ sagen, selbst wenn sie schon zu viel Arbeit hat. Ja, so ist meine Mutter, sagt Alexander und lächelt seiner Mutter an.
Und dann verschwindet er um die Ecke mit seiner Geige unter dem Arm….

 

 

Der Artikel ist auch in Espanjol und Русский verfügbar.

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